HOME Fußküsse Schelmuffky

Fußküsse Titel

 

Das fünffte Capitel aus Schelmuffkys curiöser und sehr gefährlicher Reise-Beschreibung zu Wasser und Lande 1697


Rom ist der Tebel hohl mer auch eine wackere Stadt, nur immer und ewig Schade ists, daß dieselbe von aussen keinen prospect hat. Sie ist gebauet in lauter Rohr und Schilff und ist mit einem Wasser, welches der Tiber-Fluß genennet wird, rings umher umgeben und fliesset die Tyber mitten durch Rom und über den Marckt weg. Denn auff den Marckte kan kein Mensche zu Fusse nicht gehen, sondern wenn Marckt-Tag da gehalten wird, so müssen die Bauers-Leute ihre Butter und Käse oder Gänse und Hüner in lauter Dreck-Schüten feil haben. O sapperment! was giebt es täglich vor unzehlich viel Dreck-Schüten auff dem Römischen Marckte zu sehen! Wer auch nur eine halbe Mandel Eyer in Rom verkaufen will, der bringet sie auf einer Dreck-Schüte hinein zu Marckte geschlept. Daß auch manchen Tag etliche tausend Dreck-Schüten auff der Bauer Reihe dort halten und keine vor der andern weichen kan.

Vortreffliche Fische gibts des Marckt-Tages immer in Rom zu verkaufen und absonderlich, was Häringe anbelanget, die gläntzen auch der Tebel hohl mer flugs von Fette wie eine Speck-Swarte und lassen sich überaus wohlessen, zumahl, wenn sie mit Bomolie brav fett begossen werden.

Nun ist es zwar kein Wunder, daß es so fette Häringe da gibt, denn es ist der Tebel hohl mer ein über allemaßen guter Härings-Fang vor Rom auff der Tyber und wegen der Häringe ist die Stadt Rom in der Welt weit und breit berühmt. Es mag auch eine Härings-Frau in Teutschland sitzen, wo sie nur wolle, und mag auch so viel Häringe haben als sie nur immer will, so sind sie der Tebel hohl mer alle auff der Tyber bey Rom gefangen, denn der Härings-Fang gehöret den Pabste, und weil er immer nicht wohl zu Fusse ist und es selbst abwarten kan, so hat er denselben etlichen Schiffern verpachtet, die müssen dem Pabste jährlichen viel Tribut davon geben.

Wie ich nun mit meinen grossen Kober zu Pferde vor Rom angestochen kam, so konte ich wegen der Tyber nicht in die Stadt Rom hinein reuten, sondern muste mich mit meinen grossen Kober und Pferde auff eine Dreck-Schüte setzen und da lassen biß in die Stadt Rom hinein fahren.

Als ich nun mit meinen grossen Kober zu Pferde auff der Dreck-Schüte glücklich angelangete, so nahm ich mein Qvartir bey einem Sterngucker, welcher in der Härings-Gasse, nicht weit von dem Nasch-Marckte wohnete. Dasselbe war der Tebel hohl mer ein überaus braver Mann und seiner Sternguckerey halber fast in der gantzen Welt bekant. Absonderlich was den Fix-Stern anbelangete, aus denselben kunte er erschreckliche Dinge prophezeyen, denn wenn es nur ein klein wenig regnete und die Sonne sich unter trübe Wolcken versteckt hatte, so kunte ers einem gleich sagen, daß der Himmel nicht gar zu helle wäre. Derselbe Stern-Gucker führete mich nun in der gantzen Stadt Rom herum und zeigete mir alle Antiquitäten, die da zu sehen seyn, daß ich auch von dergleichen Zeige so viel gesehen habe, daß ich mich ietzo auff gar keines mehr besinnen kan. Letzlich so führete er mich auch bey der St. Peters-Kirche in ein groß steinern Hauß, welches mit Marmorsteiner Ziegeln gedeckt war, und wie wir da hinein und oben auff einen schönen Sahl kamen, so saß dort ein alter Mann in Peltz-Strümpffen auff einen Groß-Vater Stuhle und schlieff. Zu demselben muste ich mich auff Befehl des Sternguckers sachte hinschleichen, ihn die Peltz-Strümpfe ausziehen und hernach die Füsse küssen.

Nun kan ichs der Tebel hohl mer nicht sagen, wie dem alten Kerle die Knochen so sehre stuncken - ich will wetten, daß er sie wol in einem halben Jahr nicht hatte gewaschen gehabt! Da ich ihn nun die stinckichten Knochen geküsset hatte, so wolte ich ihn immer auffwecken und fragen, warum er sich denn nicht alle Abend die Magd ein Faß mit Wasser bringen liesse und die Beine wüsche, wenn man ihn (weils so die Mode wäre) die Füsse küssen müste. So aber winckte mir der Sterngucker, daß ich ihn nicht aus dem Schlaffe verstöhren sol und sagte gantz sachte zu mir: Ich solte Ihrer Heiligkeit die Peltz-Strümpffe wieder anziehen. O sapperment! als ich von der Heiligkeit hörete, wie zauete ich mich, daß ich ihn die Peltz Strümpffe wieder an die Knochen brachte und mit dem Sterngucker wider zum Saale hinunter und zum Hause hinaus marchirete! Vor der Hauß-Thüre sagte mirs nun der Sterngucker erstlich recht, daß es Ihre Päbstliche Heiligkeit gewesen wären, den ich die Füsse geküsset hätte und meynte auch diß dabey: Wer von Frembden Teutschen nach Rom käme und küssete dem Pabste die Füsse nicht, der dürffte sich hernachmahls nicht rühmen (wenn er wieder in Teutschland käme), daß er zu Rom gewesen wäre, wann er solches nicht gethan hätte.

Und also kan ichs mit gutem Rechte sagen, daß ich zu Rom bin gewesen - es wäre denn, daß mir der Sterngucker aus den Fixsterne eine blaue Dunst vor die Nase gemacht und daß es sonst etwan ein alter Boten-Läuffer, dem die Knochen so gestuncken hätten, gewesen wäre. Wenn ich aber drauff schweren solte, daß es der Pabst, welchen ich die Füsse geküsset gehabt, gewiß gewesen wäre, so könte ichs der Tebel hohl mer nicht mit gutem Gewissen thun, denn der Sternseher kam mir für, als wenn er mehr als Brodt fressen könte, weil er sein Hertze so sehr an den Fix-Stern gehangen hatte; sobald er auch nur an den Fixstern gedachte, so wuste er schon, was in den Calender vor Wetter stunde.

Derselbe Stern-Gucker war ein vortreflicher Calendermacher, er lernete mir dieselbe Kunst auch. Ich habe auch sehr viel Calender gemacht, welche noch alle geschrieben unter der Banck liegen und treffen doch der Tebel hohl mer noch bisweilen ziemlich ein. Solte ich wissen, daß Liebhaber darzu möchten gefunden werden, wolte ich mit der Zeit etwan einen herfürsuchen und zur Probe heraus geben. Doch kommt Zeit, kömmt Rath.

Damit ich aber wieder auff meinen vorigen Discurs komme und erzehle, wohin mich der Sterngucker weiter geführet, als ich den Pabste die Füsse geküsst hatte. Flugs an der St. Peters-Kirche war ein gantz enge Gäßgen, durch dasselbe führte mich der Sterngucker und immer vor biß an den Marckt. Wie wir nun an den Marckt kamen, so fragte er mich, ob ich Lust und Belieben hätte, mich in eine Dreck-Schüte zu setzen und ein wenig mit nach den Härings-Fange spatziren zu fahren? Ich sagte hierzu gleich Tob. Darauf satzten wir uns beyde in eine Dreck-Schüte und fuhren da, weil wir guten Wind hatten, immer auff der Tyber übern Marckt weg und unten bey dem Härings-Thore zu einem Schlauchloche hindurch und nach dem Härings-Fange zu...

 

Weitere interessante Artikel


Gefällt mir!