
Appassionato
Du hast durch Deinen Kuß Mein stromvoll Blut geweckt Und mein Gesicht warm aufgehoben aus dem Tag, Daß mich nun uferlose große nacht umspült, Herwehend Glanz und Taumel. Ein wiegend Zittern schwillt in meiner Füße Wurzeln, Einströmen lassend Erde und Getön, Und springt aus meiner Kniee Schreiten in die Brust Zu meerbewegter Melodie, Darin mein Herz , die Orgel rauscht. Nun sich im Takte meine Sohlen heben Und grenzenlos beseeltes Schweben Die Glieder übergießt: Hab ich die Arme aufgehoben, Den Blick in Himmeldunkelblau zerstoben Und fühl, wie meiner aufgelockten Haare schopf Die nachtbemalten Wolken streift, Sternenblütenkranz die Stirn umgreift, Und tanze, tanze zu Dir hin ! Denn meiner segelwilden Sehnsucht Schauer, All meine Einsamkeiten Trauer, Mein hin und her durchflutet Sein, Und nun des sel`gen Leibes neue Lust: Stürmt fort und fort an Deine Brust, Will nur in Dir geborgen sein!
Das Kuss-Gedicht
Der Menschheit größter Hochgenuß ist ohne Zweifel wohl der Kuß. Er ist beliebt, er macht vergnügt, ob man ihn gibt, ob man ihn kriegt. Er kostet nichts, ist unverbindlich und er vollzieht sich immer mündlich. Hat man die Absicht, daß man küßt, so muß man erst mit Macht und List den Abstand zu verringern trachten und dann mit Blicken zärtlich schmachten. Die Blicke werden tief und tiefer, es nähern sich die Unterkiefer. Man pflegt dann mit geschloss'nen Augen sich aneinander festzusaugen. Jedoch nicht nur der Mund allein braucht eines Kusses Ziel zu sein. Man küßt die Wange und die Hände und auch noch and're Gegenstände, die ringsherum mit Vorbedacht sämtlich am Körper angebracht. Auch wie man küßt, das ist verschieden, im Norden, Osten, Westen, Süden. So mit Bedacht und mit Gefühl, der eine heiß, der and're kühl. Der eine haucht, der and're schmatzt, als ob ein alter Reifen platzt. Hingegen wiederum der Keusche vermeidet jegliche Geräusche. Der eine kurz, der and're länger, den längsten nennt man Dauerbrenner. Ein Kuß ist, wenn zwei Lippenlappen in Liebe aufeinanderklappen und dabei ein Geräusch entsteht, als wenn die Kuh durch Matsche geht.
Gerrit Engelke (1890-1918)

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