
Gottholt Ephraim Lessing
Die Küsse
Ein Küßchen, das ein Kind mir schenket, Das mit den Küssen nur noch spielt Und bei dem Küssen noch nichts denket, Das ist ein Kuß, den man nicht fühlt.
Ein Kuß, den mir ein Freund verehret, Das ist ein Gruß, der eigentlich Zum wahren Küssen nicht gehöret: Aus kalter Mode küßt er mich.
Ein Kuß, den mit mein Vater giebet, Ein wohlgemeinter Segenskuß, Wenn er sein Söhnchen lobt und liebet, Ist etwas, das ich ehren muß.
Ein Kuß von meiner Schwester Liebe Steht mir als Kuß nur so weit an, Als ich dabei mit heißerm Triebe An andre Mädchen denken kann.
Ein Kuß, den Lesbia mir reichet, Den kein Verräter sehen muß, Und der dem Kuß der Tauben gleichet: Ja, so ein Kuß, das ist ein Kuß.
Die Küsse
Der Neid, o Kind, zählt unsre Küsse: Drum küss geschwind ein Tausend Küsse; Geschwind du mich, Geschwind ich dich! Geschwind, geschwind, o Laura manch tausend Küsse: damit er sich verzählen müsse.
Küssen und Trinken
Mägdgen, laß mich dich doch küssen! Zaudre nicht, sonst wirst du müssen. Hurtig! hurtig schenkt mir ein! Auf das Küssen schmeckt der Wein!
Dieser Wein hat Geist und Feuer. Mägdgen tu doch etwas freier. Gönn mir vorigen Genuß: Auf das Trinken schmeckt ein Kuß!
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