
Verführer
Gewartet habe ich vor vielen Türen, In manches Mädchenohr mein Lied gesungen, Viel schöne Frauen sucht ich zu verführen, Bei der und jener ist es mir gelungen. Und immer, wenn ein Mund sich mir ergab, Und immer, wenn die Gier Erfüllung fand, Sank eine selige Phantasie ins Grab, Hielt ich nur Fleisch in der enttäuschten Hand. Der Kuss, um den ich innigst mich bemühte, Die Nacht, um die ich lang voll Glut geworben, Ward endlich mein - und war gebrochene Blüte, Der Duft war hin, das Beste war verdorben. Von manchem Lager stand ich auf voll Leid, Und jede Sättigung ward Überdruss; Ich sehnte glühend fort mich vom Genuss Nach Traum, nach Sehnsucht und nach Einsamkeit. O Fluch, dass kein Besitz mich kann beglücken, Dass jede Wirklichkeit den Traum vernichtet, Den ich von ihr im Werben mir gedichtet Und der so selig klang, so voll Entzücken! Nach neuen Blumen zögernd greift die Hand, Zu neuer Werbung stimm ich mein Gedicht... Wehr dich, du schöne Frau, straff dein Gewand! Entzücke, quäle - doch erhör mich nicht!
Liebe
Wieder will mein froher Mund begegnen Deinen Lippen, die mich küssend segnen, Deine lieben Finger will ich halten Und in meine Finger spielend falten, Meinen Blick an deinem dürstend füllen, Tief mein Haupt in deine Haare hüllen, Will mit immerwachen jungen Gliedern Deiner Glieder Regung treu erwidern Und aus immer neuen Liebesfeuern Deine Schönheit tausendmal erneuern, Bis wir ganz gestillt und dankbar beide Selig wohnen über allem Leide, Bis wir Tag und Nacht und Heut und Gestern Wunschlos grüßen als geliebte Schwestern, Bis wir über allem Tun und Handeln Als Verklärte ganz im Frieden wandeln.
Hermann Hesse (1877-1962)

|