
von Johann Wolfgang Goethe

Liebe und Tugend
Wenn einem Mädchen, das uns liebt, Die Mutter strenge Lehren gibt Von Tugend, Keuschheit und von Pflicht, Und unser Mädchen folgt ihr nicht Und fliegt mit neuverstärktem Triebe Zu unsern heißen Küßen hin, Da hat daran der Eigensinn So vielen Anteil, als die Liebe. Doch wenn die Mutter es erreicht, Daß sie das gute Herz erweicht, Voll Stolz auf ihre Lehren sieht, Daß uns das Mädchen spröde flieht, So kennt sie nicht das Herz der Jugend. Denn wenn das je ein Mädchen tut, So hat daran der Wankelmut Gewiß mehr Anteil, als die Tugend.
Frech und froh II
Liebesqual verschmäht mein Herz, sanften Jammer, süßen Schmerz; nur vom Tüchtgen will ich wissen, heißem Äuglen, derben Küssen.
Sei ein armer Hund erfrischt von der Lust, mit Pein gemischt! Mädchen, gib der frischen Brust nichts von Pein, und alle Lust.
An den Schlaf
(aus einem Brief an seine Schwester)
Der du mit deinem Mohne Der Götter Augen zwingst Und Bettler oft zum Throne, Zum Mädchen Schäfer bringst, Hör mich: Kein Traumgespinste Verlang ich heut von dir. Den größten deiner Dienste, Geliebter, leiste mir.
An meines Mädchens Seite Sitz ich, ihr Aug' spricht Lust, Und unter neid'scher Seide Steigt fühlbar ihre Brust; Oft wären, sie zu küssen Die gier'gen Lippen nah, Doch ach - dies muß ich missen: Es sitzt die Mutter da!
Heut Abend bin ich wieder Bei ihr. O, tritt herein, Sprüh Mohn von dem Gefieder! Da schlaf' die Mutter ein: Blaß werd' der Lichter Scheinen. Von Lieb' mein Mädchen warm Sink, wie Mama in deinen, Ganz still in meinen Arm.
Laß deinen süßen Rubinenmund
(aus "West-östlichen Divan")
Laß deinen süßen Rubinenmund Zudringlichkeiten nicht verfluchen: Was hat Liebesschmerz andern Grund, Als seine Heilung zu suchen?
Wechsel
Auf Kieseln im Bache da lieg ich, wie helle! Verbreite die Arme der kommenden Welle, Und buhlerisch drückt sie die sehnende Brust; Dann führt sie der Leichtsinn im Strome danieder, Es naht sich die zweite, sie streichelt mich wieder: So fühl ich die Freuden der wechselnden Lust.
Und doch, und so traurig, verschleifst du vergebens Die köstlichen Stunden des eilenden Lebens, Weil dich das geliebteste Mädchen vergißt! O ruf sie zurücke, die vorigen Zeiten, Es küßt sich so süße die Lippen der Zweiten, Als kaum sich die Lippen der Ersten geküßt.
Suleika
Wie mit innigstem Behagen, Lied, empfind ich deinen Sinn! Liebevoll du scheinst zu sagen: Daß ich ihm zur Seite bin.
Daß er ewig mein gedenket, Seiner Liebe Seligkeit Immerdar der Fernen schenket, Die ein Leben ihm geweiht.
Ja! mein Herz, es ist der Spiegel, Freund ! worin du dich erblickt, Diese Brust, wo deine Siegel Kuß auf Kuß hereingedrückt.
Süßes Dichten, lautre Wahrheit Fesselt mich in Sympathie! Rein verkörpert Liebesklarheit Im Gewand der Poesie.
Meine Ruh' ist hin
Meine Ruh' ist hin, Mein Herz ist schwer, Ich finde sie nimmer Und nimmermehr.
Wo ich ihn nicht hab Ist mir das Grab, Die ganze Welt Ist mir vergällt.
Mein armer Kopf Ist mir verrückt, Mein armer Sinn Ist mir zerstückt.
Nach ihm nur schau ich Zum Fenster hinaus, Nach ihm nur geh ich Aus dem Haus.
Sein hoher Gang, Sein' edle Gestalt, Seine Mundes Lächeln, Seiner Augen Gewalt,
Und seiner Rede Zauberfluß, Sein Händedruck, Und ach, sein Kuß!
Mein Busen drängt sich Nach ihm hin. [Ach]* dürft ich fassen Und halten ihn,
Und küssen ihn, So wie ich wollt, An seinen Küssen Vergehen sollt!
Unbeständigkeit
Auf Kieseln im Bache, da lieg' ich, wie helle, Verbreite die Arme der kommenden Welle, Und buhlerisch drückt sie die sehnende Brust. Dann trägt sie ihr Leichtsinn im Strome darnieder; Schon naht sich die zweite und streichelt mich wieder, Da fühl ich die Freuden der wechselnden Lust.
O Jüngling, sei weise, verwein nicht vergebens Die fröhlichsten Stunden des traurigen Lebens, Wenn flatterhaft je dich ein Mädchen vergißt. Geh, ruf sie zurücke, die vorigen Zeiten! Es küßt sich so süße der Busen der zweiten, Als kaum sich der Busen der ersten geküßt.
Lieb' um Liebe
Lieb' um Liebe, Stund' um Stunde, Wort um Worte und Blick um Blick; Kuß um Kuß vom treusten Munde, Hauch um Hauch und Glück um Glück So am Abend, so am Morgen! Doch du fühlst an meinen Liedern Immer noch geheime Sorgen; Jussuphs Reize möcht ich borgen, Deine Schönheit zu erwidern.
Vollmondnacht
Herrin, sag, was heißt das Flüstern? Was bewegt dir leis die Lippen? Lispelst immer vor dich hin, Lieblicher als Weines Nippen! Denkst du deinen Mundgeschwistern Noch ein Pärchen herzuziehen? "Ich will küssen! Küssen! sagt' ich."
Schau! Im zweifelhaften Dunkel Glühen blühend alle Zweige, Nieder speilet Stern auf Stern, Und smaragden durchs Gesträuche Tausendfältiger Karfunkel; Doch dein geist ist allem fern.
"Ich will küssen! Küssen! sagt' ich."
Dein Geliebter, fern, erprobet Gleicherweis im Sauersüßen, Fühlt ein unglücksel'ges Glück. Euch im Vollmond zu begrüßen, habt ihr eilig angelobet, Dieser ist der Augenblick.
"Ich will küssen! Küssen! sagt' ich."
Ziblis
Eine Erzählung
Mädchen, setzt euch zu mir nieder, Niemand stört hier unsre Ruh, Seht, es kommt der Frühling wieder, Weckt die Blumen und die Lieder, Ihn zu ehren, hört mir zu.
Weise, strenge Mütter lehren: »Mädchen, flieht der Männer List!« Und doch laßt ihr euch betören! Hört, ihr sollt ein Beispiel hören, Wer am meisten furchtbar ist.
Ziblis, jung und schön, zur Liebe, Zu der Zärtlichkeit gemacht, Floh aus rauhem, wilden Triebe, Nicht aus Tugend alle Liebe, Ihre Freude war die Jagd.
Als sie einst tief im Gesträuche Sorglos froh ein Liedchen sang, Ward sie blaß wie eine Leiche, Da aus einer alten Eiche Ein gehörnter Waldgott sprang.
Zärtlich lacht das Ungeheuer, Ziblis wendet ihr Gesicht, Läuft, doch der gehörnte Freier Springt ihr wie ein hüpfend Feuer Nach und ruft: »O flieh mich nicht!«
Schrei'n kann niemals überwinden. Sie lief schneller, er ihr nach. Endlich kam sie zu den Gründen, Da, wo unter jungen Linden Emiren am Wasser lag.
»Hilf mir!« rief sie. Er, voll Freude, Daß er so die Nymphe sah, Stand bewaffnet zu dem Streite Mit dem Ast der nächsten Weide, Als der Waldgott kam, schon da.
Der trat näher, ihn zu höhnen, Und ging schnell den Zweikampf ein. Sie erbebt für Emirenen. Immer wird das Herz der Schönen Auf des Schönen Seite sein.
Seinen Feind im Sand zu höhnen, Regt sich Fuß und Arm und Hand, Bald mit Stoßen, bald mit Dehnen. Liebe stärkt die Kraft der Sehnen, Beide waren gleich entbrannt.
Endlich sinkt der Faun zur Erden, Denn ihn traf ein harter Streich. Gräßlich zerrt er die Gebärden; Emiren, ihn loszuwerden, Wirft ihn in den nächsten Teich.
Ziblis lag mit matten Blicken, Da der Sieger kam, im Gras. Wird's ihm, ihr zu helfen, glücken? Leicht sind Mädchen zu erquicken, Oft ist ihre Krankheit Spaß.
Sie erhebt sich. Neues Leben Gibt ein heißer Kuß ihr gleich. Doch, der einen schon gegeben, Sollte nicht nach mehrern streben? Das sieht einem Märchen gleich.
Wartet nur. Es folgten Küsse Hundertweis; sie schmeckten ihr. Ja, die Mäulchen schmecken süße. Und bei Ziblis waren diese Gar die ersten. Glaubt es mir.
Darum sog mit langen Zügen Sie begierig immer mehr. Endlich trunken von Vergnügen, Ward dem Emiren das Siegen, Wie ihr denken könnt, nicht schwer.
Mädchen, fürchtet rauher Leute Buhlerische Wollust nie. Die im ehrfurchtsvollen Kleide Viel von unschuldsvoller Freude Reden, Mädchen, fürchtet die.
Wacht, denn da ist nichts zu scherzen. Seid viel lieber klug als kalt. Zittert stets für eure Herzen. Hat man einmal diese Herzen, Ha, das andre hat man bald!
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