
Johannes Secundus
Basia
VIII Quis te furor, Neaera inepta, quis iubebat sic involare mostram, sic vellicare linguam ferociente morsu? an, quas tot unus abs te pectus per omne gesto penetrabiles sagittas, parum videntur, istis ni dentibus protervis exerceas nefandum membrum nefas in illud, quo saepe sole primo, quo saepe sole sero, quo per diesque longas noctesque amarulentas laudes tuas canebam? haec est, iniqua, (nescis?), haec illa lingua nostra est, quae tortiles capillos, quae paetulos ocellos, quae lacteas papillas, quae colla mollicella venustulae Neaerae molli per astra versu ultra lovis calores caelo invidente vexit, quae te, meam salutem, quae te, meamque vitam animae meaeque florem, et te, meos amores, et te, meos lepores, et te, meam Dionen, et te, meam columbam albamque turturillam Venere invidente dixit. an vero, an est is ipsum, quod te iuvat, superba, inferre vulnus illi, quam laesione nulla, formosa, posse nosti ira tumere tanta, quin semper hos ocellos, quin semper haec labella et qui sibi salaces malum dedere dentes inter suos cruores blabutiens recantet? o vis superba formae
Küsse
8 Welch Rasen hat Neaera, du Törin, geboten, so anzufallen, so zu verletzen meine Zunge mit grausam-wildem Bisse? Genügt' s nicht, daß im Herzen so viele deiner Pfeile, die es durchbohrten, ich nun allein muß tragen? Mußt du, mit dreisten Zähnen frevelnd, vergehn dich an dem Gliede, womit ich oft frühmorgens, womit ich oft spätabends, womit ich lang am Tage, in bittersüßen Nächten, dein Lob zu singen pflegte? Dies ist (weißt du´s nicht?), Böse, dies ist dieselbe Zunge, die deine Ringellocken, die dein verschwimmend Auge, die deine weißen Brüste, die auch den zarten Nacken der reizenden Neaera in weichem Vers erhoben zu Sternen, höher noch als zum sonnenwarmen Himmel, der diesen Ruhm dir neidet; die dich, mein Heil und Leben, die dich, mein ganzes Dasein, du Blume meiner Seele, und dich, du meine Liebe, und dich, du mein Entzücken, und dich, du meine Venus, und dich, du meine Taube, mein weißes Turteltäubchen, zu Venus´ Neid besungen. Vielleicht ist´s grade dieses, was, Stolze, dich erfreuet: die Zunge zu verwunden, die (wie du weißt, du Schöne) du nie so kränken konntest noch so in Zorn versetzen, daß nicht sie diese Äuglein, daß nicht sie diese Lippen und selbst die geilen Zähne, die ihr so Böses taten, in eignem Blut gebadet selbst stammelnd noch besänge? O stolze Macht der Schönheit!
X Non sunt certa, meam moveant quae basia mentem. uda labris udis conseris: uda iuvant. nec sua basiolis non est quoque gratia siccis, fluxit ab his tepidus saepe sub ossa vapor. dulce quoque est oculis nutantibus oscula ferre auctoresque sui demeruisse mali, sive genis totis totive incumbere collo seu niveis umeris seu sinui niveo et totas livore genas collumque notare candidulosque umeros candidulumque sinum seu labris querulis titubantem sugere linguam et miscere duas iuncta per ora animas inque peregrinum diffundere corpus utramque, languet in extremo cum moribundus amor. me breve, me longum capiet laxumque tenaxque, seu mihi das, seu do, lux, tibi basiolum. qualia sed sumes, numquam mihi talia redde, diversis varium ludat uterque modis. at quem deficiet varianda figura priorem, legem summissis audiat hanc oculis, ut qout utrimque prius data sint, tot basia solus dulcia victori det totdemque modis.
10 Es erregt mich zutiefst nicht eine Art nur von Küssen. Feuchte Lippen drückst auf feuchte du? Feuchte entzückt. Aber auch trockene Küsse entbehren nicht jeglichen Reizes, oft floß von diesem mir auch Hitze ins innerste Mark. Süß auch ist´s, im Halbschlafe sich nur küssen zu lassen und, die ich dich so überfiel, fest zu umschlingen sodann, auf ihre Wangen sich ganz, ihren Hals sich rächend zu stürzen, schneeweißen Schultern sich dann, schneeweiße Brüste zu nahn, ihr die Wangen, den Hals mit Kußmälern ganz zu beflecken, schneeweiße Schultern und auch schneeweiße Brüste dazu; auch mit gurrender Lippe bewegliche Zunge zu saugen: Mund an Mund werden zwei Seelen zu einer vereint. So ergießen wir beide uns in des anderen Körper, wenn die Liebe, dem Tod nahe, in Wollust erstirbt. Ob die Küsse kurz oder lang, ob lässig, ob drängend, ob du sie gibst oder ich, Liebste, sie reißen mich hin. Doch so wie ich dich küsse, sollst niemals zurück du mich küssen: andersgeartet soll uns beiden das Liebesspiel sein. Und wer als erster von uns nicht neue Methoden erfindet, höre gesenkten Blicks diese Bestimmung sich an: So viele Küsse, wie beide zuerst gewechselt, so viele geb er dem Sieger zurück und auf so vielfält' ge Art.
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