
An deinen Lippen
Deine Küsse halten mich glühend wach, Sie gehen wie feurige Sterne ums Dach. An deinen Lippen wird's Blut mir rot, Mein Herz springt ins Feuer, mein Auge loht. Deine Augen wie kleine Monde beim Küssen Im letzten Himmel verschwinden müssen.
Deine Küsse, deine Brüste, deine Arme Pressen noch lüstewarm meinen Leib. Dein Blut, dein Fleisch Ruht noch lüstewarm an mir. Meine Schritte schallen, Meine Schritte fallen härter von Stein zu Stein, Die Erde nimmt mich in ihre Mitte, Verwundert fällt es mir ein: Wir lagen draußen im Weltenraum, Wir beide allein.
Die Uhr zeigt heute keine Zeit
Ich bin so glücklich von deinen Küssen, Daß alle Dinge es spüren müssen. Mein Herz in wogender Brust mir liegt, Wie sich ein Kahn im Schilfe wiegt. Und fällt auch Regen heut ohne Ende, Es regnet Blumen in meine Hände. Die Stund', die so durchs Zimmer geht, Auf keiner Uhr als Ziffer steht; Die Uhr zeigt heute keine Zeit, Sie deutet hinaus in die Ewigkeit.
Immer neue Küsse gib
Küß mich auf den Mund, mein Lieb, Immer neue Küsse gib. Welkt am Weinstock Blatt um Blatt, Man den Most im Keller hat.
Ach, das Leben ist versüßt Dem, der sich durchs Leben küßt. Wer verkennt des Jahres Zweck, Dem nur schenkt der Herbst den Dreck.
Liebste, drück mir auf den Mund Küsse wie die Blätter bunt, Küsse wie der junge Most, Und berauscht leb' ich getrost.
Max Dauthendey (1867-1918)

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