
Mühlpfort
An Favonien als er Sie zum ersten mahl küste.
Diß ist mein erster Kuß / den ich Favonie! Du schönes Menschen-Kind / auf deine Lippen setze. Du biß mein Paradieß / in dem ich mich ergötze / Nun bin ich wohl vergnügt / weil ich so feste steh / Und dencke weiter nicht / ob jene Angst und Weh / Durch Unglück meine Lieb / und ihren Lauff verletze. Wie hoch ich deinen Kuß O Allerliebste! schätze / Das weiß ein jeder Stern / es weiß es Erd und See. Das Herze konte sich nicht eh zu frieden geben / Biß es von deinem Mund / ein Zeichen wahrer Gunst / Empfangen wie es wolt / nun hat es auch sein Leben / Zugleicher Gegen-Pflicht entzündt in Liebes-Brunst. Drum wundre dich ja nicht / wann ich es mehr begehre / Daß mir dein rother Mund ein Liebes-Pfand gewähre.
Er bittet um einen Kuß.
Nur einen Kuß / so hab ich schon / Von dir mein Schatz! der Liebe Lohn / Und bin gar wohl damit zufrieden / Was deine Gunst mir itzt verspricht / Drauf bleibt mein schwaches Herz beschieden / Dein Mund betreugt mein Hoffen nicht / Wann ich jetzt von dir bitten muß / Nur einen Kuß /
2.
Nur einen Kuß / so ist mir wohl / Und wann ich den erlangen soll / So ehr ich deine Lieblichkeiten / Des holden Angesichtes Zier / Erweckt durch sanfftes Seelenstreiten / In mir die stete Liebs-Begier / Wann mir vergönt dein Uberfluß / Nur einen Kuß.
3.
Nur einen Kuß / O schönstes Kind / Denn deine Flamm hat mich entzündt / Und meine Freyheit angebunden / So einen angenehmen Brand / Hab ich von deinem Strahl empfunden / Daß ich begehr ein Liebes-Pfand / Ein Pfand von deinem Lippenguß / Nur einen Kuß.
4.
Nur einen Kuß / der meine Brunst Versichert deiner milden Gunst / Und der die Seele recht vermenget / Es werde meine heisse Glut / Von diesem kühlem Thau besprenget / Dann deiner Wangen Milch und Blut / Gibt zu den treuem Liebes-Schluß / Nur einen Kuß.
5.
Nur einen Kuß / denn bin ich froh / Weil mir mein Liebgen günstig so / Und nicht das Flehen abgeschlagen / Es solle nicht der blasse Tod Die Lebens-Geister von mir jagen / Es hemmt mich weder Angst und Noth / Daß ich nicht von dir bitten muß / Nur einen Kuß.
Ein Kuß.
Viel fragen was daß sey: Schatz gieb mir einen Kuß / Und was ich doch für Lust von Küssen könne haben / Viel lachen / wann ich will nach einem Kusse traben / Und sagen / dieser Kuß / der war mir ein Verdruß. Ich spreche wiederum / diß ist ein Uberfluß / Voll süsser lieblichkeit / an dem ich mich kan laben / Was acht ich viel Geschenck / und grosser Schönheit Gabe Wann ich bey meiner Lieb ein Bettler bleiben muß. Das Reden und daß Spiel macht einen zwar bekant / Doch / soll in Gegen-Gunst das Herze seyn entbrandt / So muß zuvor ein Kuß die Bahn zur Liebe machen. Ein Kuß hat so viel Krafft / wann er von Herzen geht / Als bey den Schiffenden der nordliche Magnet / Ein Kuß kan bald ein Paar verliebt zusammen machen.
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