
Kuß.
Einig süßes mündelein Röhter dan ein röselein So Phaebus durch sein ansehen Macht aufgehen: Lefzen übertreffend weit Den taw so die erden nötzet, Und mit fruchtbarkeit ergötzet In der süßen Frülings zeit.
Holdseeliges schätzelein, Gib mir so vil schmätzelein, Sovil du gibst meinem hertzen Pein und schmertzen; Sovil pfeil der fliegend Got Wider mein hertz abgeschossen; Sovil ich leid unverdrossen Jamer, trübsal, angst und noht.
Sovil man wol körnlein sands Am ufer des Mohren-lands, Sovil graß in dem feld stehen Man kan sehen; Sovil tropfen in dem Möhr, Sovil fisch alle flüß bringen, Vögel durch den luft sich schwingen, Und sovil der hörbst weinböhr.
Sovil schöne lieblichkeit, Schmollende holdseeligkeit, Sovil höflichkeit und lachen Lieblich machen Deinen thewren purpur-mund; Wievil rosen deine wangen, Wievil lilgen machen prangen Deinen busen steif und rund.
So oft küß mich Nymfelein, So oft schmätz mich Schimpfelein; Laß uns mit einander schertzen, Und uns hertzen, Biß ich sag, mein frid, mein fraid, Ich kan nicht mehr, laß mich gehen, So solt du ein weil abstehen, Das ich seufzend halb verschaid.
Darnach küß mich widerumb, Das noch größer werd die sum, Stüpf mich auch mit deiner zungen Ungezwungen, Die süßer dan honig ist: Also laß uns kurtzweil führen, Damit wir ja nicht verlieren Der Jugent einige frist.
Laß uns nach Amors willkhur Wandlen auf der Jugent spuhr, Biß das alter krum gebogen Kom gezogen, Mit zittern, kält, forcht und grauß, Welches mit sich auf dem rucken Vil laids bringet uns zu drucken, Biß es uns macht den gar-auß.
Weckherlin
(streng genommen ist dieses Gedicht eine Weckherlins-Übersetzung des fr. Dichters Remy Belleau (1527-1577)
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