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Der TabaksjungeEs war einmal eine arme Frau, die mit ihrem Jungen bettelnd von Hof zu Hof zog. Zu Hause hatte sie nichts zu beißen und nichts zu brennen. Zuerst klapperte sie die Bauernhöfe ab, und dann versuchte sie es in der Stadt. Als sie dort von Haus zu Haus ging, kam sie auch zum Bürgermeister. Der war gütig und gebefreudig und wohl der beste Mann in der Stadt. Seine Frau war die Tochter des reichsten Kaufmanns am Platze. Sie hatte eine kleine Tochter. Weil sie das einzige Kind war, wurde sie verhätschelt. Die Kleine freundete sich rasch mit dem armen Jungen an, als er mit seiner Mutter kam. Als der Bürgermeister das sah, nahm er den Jungen zu sich ins Haus, damit das Mädchen einen Spielgefährten hatte. Nun spielten und bastelten die beiden Kinder zusammen, lernten zusammen und gingen zusammen zur Schule, waren stets gut Freund und vertrugen sich immer. Eines Morgens stand die Bürgermeistersfrau am Fenster und blickte den Kindern nach, als sie zur Schule gingen. Auf der Straße hatte sich vom Regenwasser ein kleiner Teich gebildet. Der Junge trug zuerst den Frühstücksbeutel hinüber. Dann watete er zurück und trug das kleine Mädchen durch das Wasser. Und als er sie niedersetzte, bekam sie einen Kuß. Als die Bürgermeistersfrau das sah, wurde sie böse und sagte: "Darf so ein Betteljunge unsere Tochter küssen, wo wir die ersten Leute der Stadt sind?" Ihr Mann versuchte sie zu besänftigen und meinte, niemand wisse, was aus Kindern einmal würde und welches Schicksal seinem Kinde bestimmt wäre. Dies hier sei ein netter anständiger Junge, und jeder große Baum entstehe aus einem kleinen Sproß. Das wollte die Frau nicht gelten lassen. "Wenn Armut zu Ehren kommt, kennt sie sich selbst nicht" und "Wer zum Schilling geprägt ist, wird nie ein Taler, auch wenn er wie ein Goldstück glänzt", wandte sie ein. Der Junge dürfe nicht bei ihnen bleiben, sie wolle ihn aus dem Haus haben. Als kein Zureden half, schickte der Bürgermeister den Jungen zu einem fremden Schiffer, der mit seinem Schiff im Hafen lag. Der wollte ihn als Kajütenjunge behalten. Seiner Frau erzählte der Bürgermeister, er habe den Jungen für Tabak verkauft. Bevor der Junge mit dem Schiff ausreiste, brach die Bürgermeisterstochter ihren Ring in zwei Teile und gab ihm die eine Hälfte, damit sie sich später wiedererkennen könnten. Bald darauf lichtete das Schiff den Anker und entführte den Jungen weit weg in ein fremdes Land. Dorthin war kürzlich ein Pfarrer gekommen, der ein so tüchtiger Prediger war, daß alle Welt in die Kirche strömte, um ihn zu hören. Am Sonntag wollte auch die Schiffsbesatzung hin und seine Predigt hören. Der Junge mußte allein an Bord bleiben. Wie er sich gerade daran machen wollte, das Mittagessen für die Besatzung zu kochen, hörte er vom anderen Ufer jemand rufen. Er nahm das Beiboot und setzte über. Drüben stand eine alte Frau. "Ja, nun stehe ich hier seit hundert Jahren und rufe und schrei, weil ich übergesetzt sein will. Doch niemand außer dir hat es gehört und sich daran gekehrt. Aber du sollst auch deinen Fährlohn bekommen", sagte die Alte. Der Junge sollte sie zu ihrer Schwester begleiten, die nicht weit davon in einem Berg wohne, und sie um das alte Tuch bitten, das in einem Schrankfach läge. Als sie hinkamen und die andere Trollalte hörte, daß er ihrer Schwester über den Sund geholfen hatte, sollte er sich wünschen, was er von ihr haben wollte. Er sollte sie zu ihrer zweiten Schwester begleiten. Dort sollte er um das alte Schwert bitten. Das könnte er in die Tasche stecken, dann würde es so klein wie ein Messer. Und zöge er es heraus, dann würde es ein langes Schwert. Schlüge er mit der schwarzen Schneide, so fiele alles tot um, und schlüge er mit der weißen, dann würde alles wieder lebendig. "Komm mit!" sagte die andere. "Ich habe hundert Jahre am Sund gestanden und gerufen und geschrien, und keiner hat es gehört und sich daran gekehrt außer dir. Du sollst noch mehr Lohn bekommen! Komm mit zu meiner dritten Schwester!" Als er wieder an Bord kam, war die Schiffsbesatzung noch in der Kirche. Da machte er einen Versuch mit dem Tuch und breitete nur einen kleinen Zipfel auf dem Tisch aus. Denn er wollte erst sehen, wozu es taugte, ehe er es ganz entfaltete und richtig in Gebrauch nahm. Oh, der Zipfel gab gutes Essen und sehr reichlich und Getränke dazu. Der Junge aß einen Kosthappen und gab dem Hund, so viel er nur fressen konnte.
Dann segelten sie wieder lange, weit weg. Auf einmal kam ein Sturm auf, der hielt viele Tage an. Sie wurden umhergetrieben und wußten nicht, wo sie waren. Schließlich wurde die See ruhig, und sie ankerten vor einem fremden Land, das niemand von ihnen kannte. Dort herrschte große Trauer, weil die Königstochter an allen Gliedern gelähmt war. Der König kam zum Schiff hinunter und fragte, ob jemand an Bord sei, der sie von der Krankheit befreien und wieder gesund machen könnte. Nein, sagten die Seeleute, das könne niemand von ihnen. "Ist sonst niemand mehr an Bord?" fragte der König. Der König freute sich so sehr, daß er ihm das halbe Reich geben wollte und die Tochter dazu. Ja, das halbe Reich wäre nicht übel, dafür dankte er vielmals. Aber er habe sich schon einer anderen versprochen, die Königstochter könne er nicht nehmen, sagte der Junge. Da bekam er das halbe Reich und blieb im Land. Nach einiger Zeit brach der Krieg aus. Der Junge mußte mit und schonte die schwarze Schneide seines Schwertes nicht, kann man sich denken. Das feindliche Kriegsvolk fiel wie die Fliegen, und der König gewann. Jetzt benutzte der Bursche die weiße Schneide. Da erwachten alle Gefallenen zum Leben und ergaben sich dem König, weil ihnen ihr Leben lieb war. Aber weil es nun so viele Menschen geworden waren, wurde die Nahrung knapp, und der König hätte doch gern allen genug zu essen und zu trinken gegeben. Da mußte der Junge sein Tuch zur Hilfe nehmen, und jetzt fehlte es ihnen an nichts, weder an Nassem noch an Trockenem. Als er wieder einige Zeit beim König war, bekam er Sehnsucht nach der Bürgermeisterstochter. Er rüstete vier Kriegsschiffe aus und segelte los. Als er vor die Stadt kam, wo der Bürgermeister wohnte, schoß und donnerte er, daß in der halben Stadt die Fensterscheiben zersprangen. An Bord seiner Schiffe war es so prächtig wie bei einem König, und der Bursche selbst hatte Gold an jedem Saum, so prächtig war er gekleidet. Es dauerte nicht lange, bis der Bürgermeister kam und bat, der fremde große Herr möchte so freundlich sein und bei ihm speisen. Ja, das wollte er gern. Er ging in das Haus des Bürgermeisters und wurde dort zwischen die Tochter und die Bürgermeistersfrau gesetzt. Wie sie so im besten Plaudern waren und aßen und tranken und es sich wohl sein ließen, warf er heimlich seine Ringhälfte in das Glas der Tochter. Sie war nicht schwer von Begriff und wußte gleich, was das zu bedeuten hatte. Sie machte sich einen Gang nach draußen und hielt die Ringhälfte aus dem Glas an ihre eigene Ringhälfte. Die Mutter merkte, daß etwas los war, und ging ihr nach, sobald sie es einrichten konnte. "Weißt du, wer drinnen am Tisch sitzt, Mutter?" fragte die Tochter. "Nein", sagte die Mutter. "Das ist der Junge, den der Vater für Tabak verkauft hat!" Da fiel die Frau in Ohnmacht. Der Bürgermeister kam hinterher, und wie er hörte, wer sein Gast war, ging es ihm nicht viel besser. Schließlich kam auch der Gast heraus und sagte: "Hier ist kein Grund zum Erschrecken. Ich bin gekommen, um das kleine Mädchen zu holen, das ich auf dem Schulweg geküßt habe", und zur Bürgermeistersfrau sagte er noch: " Du sollst nie armer Leute Kinder verachten! Niemand weiß, was aus ihnen werden kann. Aus kleinen Jungen werden Männer, und der Verstand kommt mit den Jahren."
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