Märchenkuss Titel

Prinzeßchen und Narr Kuss

Prinzeßchen und der Narr

Es lebte einst ein Prinzeßchen. Das war ein lustiges Ding, das gar zu gerne lachte. Eines Abends sah es, wie auf dem Maskenball derKammerherr die Hofdame küßte und beide so vergnügt darüber lachten. "Ei! Das ist hübsch! Das ist fein!" rief das Prinzeßchen. "Das muß ich auch versuchen."

Am Hofe gab es aber auch einen Narren. Der steckte allezeit voll schelmischer Gedanken und sann jeden Tag über einen neuen lustigen Streich nach. "Den Narren muß ich fragen," sagte Prinzeßchen. "Der wird schon wissen, wie ich´s machen muß, daß ich auch einmal einen küsse."
Und sie ging hin und fragte ihn. "Ja!" sprach der Narr. "Das ist nicht so einfach. Wenn einer sonst einen anderen küßt, das können ruhig alle sehen. Daraus macht kein Mensch etwas Besonderes. Aber bei einem Prinzeßchen ist der Fall schon schwieriger. Wenn das küßt redet gleich das ganze Land darüber. das müßte also ganz heimlich geschehen." "Schön!" erwiderte das Prinzeßchen. "Nun weiß ich ja Bescheid. Also: Wenn ich küsse, darf kein Mensch darum wissen. Aber das gefällt mir gerade."

Und es ging aus seines Vaters Schloß auf die Straße. Da kam ein fröhlicher Müllerbursche pfeifend seines Weges. "Der kriegt ´nen Kuß," rief Prinzeßchen lachend, ging auf den Müllerburschen los und - wuppdich! hatte der seinen Kuß weg. Da lachte der Bursche, und Prinzeßchen lachte auch und huschte flink wieder zum Schlosse zurück.

"Kein Mensch hat´s gesehen," sprach sie ganz heimlich. "Und das ist gerade so lustig dabei." Kam der Narr ihr in den Weg und fragte: "Nun, Prinzeßchen! hat der Kuß geschmeckt?" "Kuß?" sagte Prinzeßchen und tat sehr erstaunt. "Wie denn? Wo denn? Von wem denn?" "Nun vom Müllerburschen," erwiderte der Narr mit Lachen. "Vom Müllerburschen? Ja, woher weißt du denn das?" "Ei! Euer Mund ist ja ganz weiß. Das kommt vom Mehl, und das Mehl vom Müllerburschen. Das ist doch einfach genug."
Der Tausend! dachte Prinzeßchen. Bin ich mal dumm gewesen. Laut aber sagte sie: "Quatsch! was du wohl weißt!" und streckte dem Narren das Züngelchen herraus. Dann wandte sie ihm den Rücken und ging stolz und gekränkt davon.
Der Narr jedoch lachte stillvergnügt hinter der kleinen Schmollenden her.

Also solch weißen Mann darf ich nicht wieder küssen, dachte Prinzeßchen. Das merkt gleich ein jeder, und dann ist es mit der Heimlichkeit vorbei. Ich muß mir schon einen andern aussuchen.

Da kam der Schornsteinfeger angeschlendert. Der pfiff zwar auch wie der Müllerbursche. Aber weiß war er nicht. Ganz gewiß nicht. Also konnte Prinzeßchen auch keinen weißen Mund kriegen, wenn sie ihn küßte.
Ob sie´s mal mit dem Schornsteinfeger versuchte?
Ein Weilchen freilich zauderte sie noch und steckte gar verlegen den Finger in den Mund. Dann aber sprach sie: "Ach was! ich tue es eben. Wer lange zaudert, kommt nie zum Ziel."
Husch! eilte sie auf den schwarzen Mann los, sah sich schnell noch einmal um, ob es auch niemand merkte, und - wuppdich! hatte auch der schwarze Mann seinen Kuß weg.

Schnell huschte sie wieder ins Schloß.
Dort stand der Narr mit dem Rücken an eine Säule gelehnt, stellte immer ein Bein übers andere, schmunzelte und blickte sie listig an.
Prinzeßchen tat, als ob sie ihn gar nicht sähe.
Der Narr aber zog seine Schellenkappe, machte einen sehr tiefen Diener und fragte: "Wie hat denn der zweite Kuß geschmeckt?"
"Pah-! Geschmeckt!" antwortet Prinzeßchen wegwerfend. "Du denkst wohl, weil du es beim ersten gemerkt hast, weißt du es beim zweiten auch? Nein, Narr! So dumm bin ich nicht wieder und küsse einen weißen Mann."
"Aber einen schwarzen," sagte der Narr.
"Das kann jeder sagen," erwiderte Prinzeßchen.
"Sehen auch," fuhr der Narr fort. "Euer Mündchen ist ja ganz hübsch schwarz eingerahmt."
"Was?"
"Ja! Ja! es ist schon so. Und der Rahmen kommt vom Kuß, und der Kuß vom Schornsteinfeger."
Da wurde das Prinzeßchen wütend. "In meinem Leben küsse ich keinen Menschen wieder, wenn man es allemal gleich merkt!" rief sie. "Wo bleibt denn da der Spaß?"
Zornig stampfte sie mit dem Füßchen auf, daß der weiße Atlasschuh knackte, warf den Kopf ins Genick, drehte sich auf dem hohen Absatz herum und - fort war sie!

Dann saß sie ganz still und nachdenklich in ihrem Zimmer auf dem blauseidenen Sofa, setzte auch ein Füßchen über das andere, wie es der Narr getan hatte, und sprach: "Jetzt möchte ich bloß mal wissen, warum der Kammerherr und die Hofdame so gelacht haben, als sie sich auf dem Maskenball einen Kuß gaben. Ich finde wirklich nichts Spaßiges beim Küssen."

Nach drei Wochen aber war das Prinzeßchen verlobt mit einem hübschen, jungen Prinzen. Und da sie seit dieser Zeit immer lustig war und oft aus dem Lachen nicht heraus kam, so könnte man wohl glauben, daß - !
Doch wer kann´s wissen?
Denn wenn ein Prinzeßchen küßt, darf es doch kein Mensch erfahren - sagt der Narr.

aus Zauberschloßmärchen von Gottwalt Weber
illustriert von Albert Ebert

 

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